Jahreswechsel in New York

Ich war noch niemals in New York

 

 

 

 

 

Bis vor kurzem stand in meinem Lebenslauf: “Ich war noch niemals in New York (City)!“. Im Zeitalter des weltweiten Vernetzt-Seins hatte ich natürlich gewisse Erwartungen an die erste Reise in diese Stadt. Modernste Weltstadt, Unmengen von Menschen, Autostaus, alles hipp und cool.

 

 

Das Maß der Erwartungen wird zusätzlich noch gesteigert, wenn der erste Aufenthalt den 31.12. mit einschließt. Komischerweise gehen fast alle Personen, denen man erzählt, dass man Silvester in New York sein wird, davon aus, dass man dann den Jahreswechsel am Times Square verbringen wird. Selbst die freundliche Verkäuferin im Hard Rock Café-Shop in Niagara Falls bricht nach Identifizierung der Kund*innen als Tourist*innen und nach deren wahrheitsgemäßer Beantwortung der standardisierten Fragen, woher man komme und wo man Silvester verbringe, in Entzücken aus: „Oh, Silvester in New York! It´s great at Times Square!“ Wieso nur? New York City hat beinahe so viele Einwohner wie ganz Österreich (die unglaublich vielen Selfie-schießenden Touristen noch nicht mitgerechnet). Jeder, der vielleicht schon mal den Silvesterpfad in Wien miterlebt hat, und die „davongetragenen“ Eindrücke auf New York hochrechnen kann, scheut den Times Square am 31.12. wie der Teufel das Weihwasser. Voraussehende Reisende saugen jede nur irgendwie erhältliche Information über das bevorstehende Reiseziel in sich auf. Für den Silvesterwahnsinn am Times Square gibt es doch tatsächlich eine eigene App. Nicht nur da kann man leicht herausfinden, dass das New York Police Department ab 15.00 beginnt, eine Straße nach der anderen um den Times Square in immer weiteren Kreisen abzusperren. Das gilt nicht nur für Autos, auch für Passanten. Da gibt es kein Hinein und kein Hinaus mehr. Selbst die umliegenden Metrostationen werden ab dem frühen Nachmittag nicht mehr angefahren. Es wird darauf hingewiesen, dass es keine öffentlichen Toiletten und keine Verpflegungs-oder Getränkestände gibt. Die umliegenden Lokale haben meist schon Monate vorher ausverkaufte Tische für geschlossene Gesellschaften. Auf die möglichen Konsequenzen dieser Tatsachen muss hier nicht näher eingegangen werden. Wer nimmt es da freiwillig auf sich, 9 Stunden auf den Countdown und den stürzenden Ball zu warten? Ein späterer Blick in die besagte App beweist es, es sind unglaublich viele!

  Kurzer Abstecher nach Niagara Falls. DAS Kontrastprogramm. Grossartig!

 

 

Kurz um, moderne Reisende – man will ja nicht als Massentouristin gelten – verbringen die Silvesternacht in einem netten Hotel mit Dachterrasse und Blick auf Manhattan und sehen sich das treiben gemütlich vom Queen/Kingsize-Bed auf der Times-Square-App an. Obwohl man schon vor der Reise in Erfahrung gebracht hat, dass „No-walker“ niemals New Yorker werden können, ist man dennoch überrascht, wie viele Kilometer man trotz MetroCard pro Tag zu Fuß zurücklegt (besonders bis man einigermaßen die Straßeneinteilung verstanden hat) und wie todmüde man abends ins Hotel zurückkehrt. Dem Köper ist es egal, ob grad Silvester ist. Man stellt sich daher sicherheitshalber in 15-Minuten Abständen mehrfach den Smartphone-Wecker, um ja nicht das erwartete grandiose Feuerwerk über der Stadt zu verpassen. Dies alles, um dann unglaublich enttäuscht zu werden. Außer ein paar kleinen angedeuteten Farbspritzern am Nachthimmel, die sich als über dem Times Square lokalisieren lassen, ist rein gar nichts zu sehen. Nun ja, der Himmel ist in dieser Nacht nicht klar, aber dass die Erwartungen derart zu hoch gegriffen sind, war nicht abzuschätzen. Langsam beginnt es einem zu dämmern: Der Times Square ist nicht der tollste Ort in New York, an dem sich zu Silvester was abspielt, sondern – so hat es den Anschein- auch der einzige. Gut, wenn man sich entschieden hat, sich nicht –aus Rücksicht auf andere anwesende Hotelgäste halbwegs anständig anzuziehen- und aufs Roof-top zu gehen, sondern das vermeintliche Spektakel zwei Stockwerke tiefer vom Zimmerbalkon aus zu betrachten. Das ist wieder mal typisch amerikanisch. Viel Geschrei um nichts. Aus „tue Gutes und rede davon“, wird hier: „Tue nichts und so, als wäre es einzigartig, und rede davon.“ Im Vergleich dazu: Wer hat schon mal was von den unglaublichen Feuerwerken in Reykjavik zum Jahreswechsel gehört? Das ohne jetzt auf Umweltthemen umzuleiten.

New York ist eine unglaubliche Stadt, ohne Frage. Man kann schon hunderte Fotos von New York City gesehen haben, der eigene Eindruck kann, wie bei so vielen einzigartigen Orten der Welt, durch nichts ersetzt werden. Schon Tage vor Silvester sind die Straßen in Midtown Manhattan so menschengefüllt, dass an ein zügiges Weiterkommen kaum zu denken ist. Manche Weihnachtsschaufenster sind wirklich wahre Kunstwerke und wahrscheinlich monatelang geplant und vorbereitet worden. Lässt man den Blick jedoch in die Höhe zu den Dächern der Wolkenkratzer mit ihren oft leer und dunkel scheinenden Fenstern schweifen, wird man dennoch manchmal das Gefühl nicht los, in einer Geisterstatt zu sein. Besonders die Gegend rund um das 9/11-Arreal wirkt heruntergekommen und trist. Man hat Filme wie „Wall-Street“ gesehen. Ist hier in der Nähe nicht das große Geld zuhause? Oder macht nur der enorme Glanz und Glamour der Neubauten die anderen, älteren so herunter?

Aber es gibt auch enorm charmante Viertel, wie zum Bespiel in East Village. Für Bruchteile von Sekunden, kann man sich fast einbilden, grad irgendwo in Paris zu sein. Was besonders positiv auffällt, ist der nonchalante Umgang mit Kunst. In die tollsten Galerien geht jeder, der Lust hat, einfach so hinein, um die Kunstwerke anzusehen, ganz ohne Schwellenangst und hochnäsiges Verkaufspersonal. Mitreisende Teenager-Töchter vergewissern sich mit einem zweiten Blick auf den Preiszettel, dass der unglaubliche Betrag von 150.000 USD für ein Bild von geschätzten 6m2 Größe richtig gelesen wurde. Vintage-Lovers kommen derzeit in New York voll auf ihre Kosten. Als mitreisende Teenager-Mutter sollte versucht werden, unter der daneben angebotenen Flohmarktware ein Fläschchen mit Riechsalz zu ergattern. Alternativ kann man sich auch rechtzeitig in ein nettes Café verabschieden. Allerdings versäumt man dann auch den Anblick einer unglaublich gestylten Trans-Gender-Lady (mit äußerst gepflegtem Bart), die grad mit ein paar tollen 60er-Jahre Stilettos (an den Füssen bereits solche aus den 70ern) zusammen mit anderen Schätzen und graziler als manche Frau, zur Umkleidekabine tänzelt. In keiner andern Stadt begegnet man so vielen Homosexuellen, die sich frei und unbeschwert, zum Beispiel händchenhaltend durch den Central Park, bewegen. Zumindest ist das jetzt noch so.

 

Den frisch gewählten Präsidenten nimmt man erst auf lächerlichen Scherzartikeln war. Wer glaubt, in den Secondhandläden billig davon zu kommen, irrt gewaltig. Da kann schon mal ein unglaublich verwaschenes T-Shirt, bei dem jede anständige Hausfrau zweimal nachdenken würde, ob es noch als Putztuch verwendet werden kann, 200 Dollar kosten. Gut, es ist ein Tourshirt einer Rockband, aber come on, 200 Dollar?

Nach ein paar Tagen Aufenthalt kann es verwundern, dass New York City im Ranking der 10 teuersten Städte der Welt nicht auftaucht. In New York ist alles unverschämt teuer. Es wundert einen plötzlich auch nicht mehr, warum der Taxifahrer vom Airport zum Hotel lachte: „ What? You give me three Dollar Tip???“ und beim Herausgeben ohne ein weiteres Wort zu verlieren, einfach selbständig auf 8 Dollar aufrundete. Das war die erste Lektion.

Beim ersten Mal gibt man auch dem nett aussehenden Herrn, der im Straßencafé zum Tisch kommt, und „Merry Christmas and a Happy New Year“ wünscht, noch die Hand und freut sich, dass es so nette Menschen gibt. Dann hält er die Hand auf und fragt „change?“. Als er auf Unverständnis stößt, versucht er näher auszuführen: „Tip, money, cash!“ Also sogar für´s Händeschütteln wird Tip erwartet. Das war die zweite Lektion. Plötzlich fällt auf, dass auch die meisten Dienst-leister*innen mit immer dem gleichen Spruch frohe Weihnachten etc. wünschen. Es wird klar, dass das das Zeichen für „ jetzt ist Tip fällig“ ist. Vorsicht, am Schluss entwickelt man schon fast eine Neurose gegen Neujahrswünsche, die sich Zuhause noch ein paar Tage fortsetzten kann.

Bei den Vorbereitungen auf eine New York Reise kann man leicht und schnell auf die Internetseite des Magazins „Time Out“ gelangen. Hier werden unzählige brauchbare Informationen humorvoll verpackt aufbereitet. Nebenbei, die Seite existiert auch für andere Städte, nicht nur für New York City. Völlig überraschend stößt man hier immer wieder auf das Thema Ratten und „bedbugs“. Der Blick ins Wörterbuch versichert, gemeint sind Wanzen. So findet man z.B. auf Platz 4 des Rankings “15 Gelegenheiten an denen sie in New York ein Xanax benötigen“ den Eintrag: „Diese Gelegenheiten, wenn dein Arbeitskollege plötzlich bemerkt, dass das Theater/ der Club/ das Appartement von Freunden von gestern Abend eine Wanzenplage hat.“ Auf einem weiteren Ranking, das amerikanische Städte mit Rattenplagen aufzählt, rangiert New York City auf Platz 2 hinter Chicago und vor Washington D.C. (es zählen nur Tiere). Really? Als Europäer*in erwartet man auf solchen Listen nur Slums und Recyclingplätze zu finden, keine Weltstädte der westlichen Zivilisation.

 

Wirklich erfreulich ist aber das Verhalten der New Yorker*innen in der Metro und im Straßenverkehr. Hier sind die New Yorker wahre Gentlemen, also fast ein bisschen altmodisch. Sogar junge Burschen springen auf, um gleichaltrigen Mädchen ihren Sitzplatz zu überlassen. Dass alle für ältere Menschen und Männer für Frauen aufstehen, ist anscheinend selbstverständlich. Wenn man das mit einer Fahrt in der Wiener U6 vergleicht…. Metrofahren ist also gar nicht so unangenehm und auch nachts größtenteils ungefährlich in NYC. Zu beachten ist nur, dass es Expresszüge gibt, die an vielen Stationen nicht halten, und plötzlich findet man sich ungewollt am Rande der Bronx wieder.

Auch die Autofahrer*innen sind auffallend diszipliniert. Sogar wenn die Ampel für Fußgänger*innen Rot anzeigt, wird ihnen ganz selbstverständlich der Vortritt überlassen. Das führt die ersten Tage doch zu etwas Hupen. Die Autofahrer hupen nämlich die Touristenfußgänger*innen an, doch endlich über den Zebrastreifen zu gehen. Wer das laute Gehupe und Gewirr von südländischem Straßenverkehr charmant findet, wird aber sonst diesbezüglich von New York City fast gelangweilt sein. Die New Yorker*innen sind Weltmeister in „building a line“. Muss irgendwo gewartet werden, geht alles ruhig und gesittet zu. In Sekundenschnelle wird aus einem Menschenpulk – wie von Geisterhand sortiert- eine gesittete Warteschlange. Vor den Eingängen von Museen und anderen kostenpflichtigen öffentlichen Plätzen, wo viele Nicht-New Yorker*innen auf Einlass warten, gibt es genug Personal, das versucht diese Eigenschaft auch den Nicht-New Yorker*innen beizubringen.

Bei all diesen vielen Eindrücken, kann es passieren, dass man am letzten Tag feststellt, dass man die Freiheitsstatue ja gar nicht besucht hat. War das nicht immer DAS Wahrzeichen von New York City? Nun ja, ich war erst einmal in New York. Man muss mehrmals nach New York. Es gibt da ja auch noch den New York City Marathon, der in Läuferkreisen als DAS Ereignis gehandelt wird. Hoffentlich gibt´s da auch eine App.

wild feast

by J. K.-Shedler

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