Wenn Göttinnen reisen

Freitagabend Ende Oktober in Wien am Flughafen Schwechat. Das Wetter lässt zu wünschen übrig. Es ist kalt. Etwas Wolliges ist schon bequem.  Ein paar Frauen erkennen sich freudig in einem Kaffee vor dem Check-In der Air Malta. Und eine davon bin ich. Unser Ziel soll die Mittelmeerinsel Gozo sein. Wir wollen auf „Göttinnenspuren auf Gozo und Malta“ wandeln. Diese beiden Inseln beherbergen nämlich mehrere Megalith-Tempelanlagen aus der neolithischen Zeit, die teilweise bis 3.600 v. Chr. zurück gehen , daher zu den ältesten freistehenden Bauten des Planeten Erde gehören und somit älter als die ägyptischen Pyramiden sind . Sie gelten als Zeugen der Verehrung der Muttergöttin alter Kulturen.

Die Ankunft am Flughafen in Malta ist sanft. Hier ist es wunderbar warm, sogar zu dieser späten Abendstunde. Weiter geht es mit einem privaten Bus durch die Dunkelheit der Landschaft zur Fähre nach Gozo, wo sie in Mgarr anlegen wird. Davor aber lassen wir uns vorne am Bug der Fähre mit Blick auf die beleuchteten Städtchen am Ufer von sanften Meeresbrisen umschmeicheln. Müde, aber glücklich kommen wir in Xlendi an, wo unser Quartier für die nächsten Tage liegt. Xlendi ist ein hübsches kleines Hafenstädtchen mit winzigem Strand, gesäumt von kleinen Restaurants, die wir der Reihe nach ausprobieren werden.

Der erste Morgen ist herrlich. Der Sommer ist zurück. Ich habe viel zu warme Kleidung dabei, aber das ist mir jetzt egal. Nach dem liebevoll hergerichteten Frühstück in unserem kleinen Hotel geht’s auf zu den imposanten Sandstein und Muschelkalk felsen am Ende der Bucht von Xlendi. In Jahrtausenden sind sie aus dem Meer gewachsen. In den Stein gehauene Salzpfannen erinnern noch an die frühere Salzgewinnung. Nur eine schmale Steinbrücke führt vom Ufer dorthin. Wir stimmen uns auf die Insel und die Erde unter uns ein.

 

 

Später geht es mit dem Bus nach Viktoria, der Hauptstadt von Gozo. Das öffentliche Verkehrsnetz auf Gozo und Malta ist sehr gut ausgebaut. Man kommt überall problemlos mit den Öffis hin. Und da die Insel an der breitesten Stelle nur 14 km misst, ist auch nichts weit. Alles ist überschaubar. Es ist Sonntag, daher sind viele Souvenirläden in Viktoria geschlossen. Trotzdem ist es lebhaft. Die gozitanischen Frauen tragen ihre besten Kleider und Schuhe für den Kirchenbesuch. An Wochentagen herrscht reges Treiben in den schmalen Gässchen und auf dem Gemüsemarkt. Angeboten wird, was die Felder um diese Jahreszeit hergeben: Bohnen, Tomaten, Zucchini, Datteln, Feigen, Tomaten, Avocado und andere Köstlichkeiten.  

 

 

Die Zitadelle, der höchste Punkt der Stadt, offenbart einen herrlichen beinahe 360-Grad-Ausblick auf die Insel. Sie diente auch teilweise als Kulisse für Szenen der Erfolgsserie „Games of Thrones“.  Kein Wunder, man fühlt sich um hunderte Jahre in der Zeit zurückversetzt.

Zurück nach Xlendi geht’s wieder mit dem Bus. Die einheimischen Mitreisenden reden wild durcheinander. Zu verstehen ist nicht viel, denn die meisten sprechen Maltesisch. Die Sprache ist aus dem Arabischen entstanden und hat italienische und englische Einflüsse, was auf eine rege Vergangenheit der Inseln schließen lässt, Piratenüberfälle inbegriffen.

Der erste Tag wird beim Italiener am Hafen abgeschlossen. Einige der Reisegöttinnen bestellen frischen Fisch, der göttlich zu  schmecken scheint. Ich wähle Risotto mit Gorgonzola und Tomaten. Und das nicht nur an diesem Abend. Später zuhause hab ich das köstliche Gericht gleich nachgekocht. Rezept hier. Den Sonnenuntergang als Zutat muss man halt dem inneren Auge überlassen.

Für den nächsten Tag ist dann der Besuch des ersten Tempels geplant. Ggantija, der älteste unter den Tempeln auf Gozo und Malta. Der Legende nach hat eine Riesin diesen Tempel in nur einer Nacht und mit einer Hand erbaut. Auf dem anderen Arm trug sie ihr Kind. Ich denke kurz an die Zeit zurück als mein Sohn im „Maxicosi“ neben mir im Büro schlief, während ich arbeitete. Wir erfahren , dass in Zeiten, als die Tempel entstanden sind, die Menschen im Matriarchat in friedlichem Nebeneinander mit den Männern lebten, die Frauen aber besonders verehrt worden sind. In vielen Tempeln wurden weibliche Figurinen gefunden, von denen man vermutet, dass sie Göttinnen darstellen sollen und für kultische Zwecke verwendet worden sind. Zuerst wurden Wassergöttinnen, später Erdgöttinnen als Fruchtbarkeitsgöttinnen verehrt. Die gefundenen Figurinen-Göttinnen sind alle mit vielen Rundungen ausgestattet und scheinen mit unserer „Willendorferin“ verwandt zu sein. Sie sind gedankliche Abbildungen von Gefäßen, wie der weibliche Schoß, aus dem alles geboren wird. In vielen (späteren) Gesellschaften brachten die Frauen ihre eigens angefertigten Gefäße mit, wenn sie einen Hausstand gründeten. Die Gefäße einer Frau zu zerstören galt als schlimmeres Vergehen, als dieser selbst Gewalt anzutun (vgl. Veen 1997).  Auch uns ist noch der Brauch der Aussteuer bekannt. Wie zufällig entsprechen die meistenTempel- Grundrisse der Form der Venus-Figurinen, wenn man sich in einer liegende Position vorstellt. Der Eingang war stets in deren imaginären Schoß angesiedelt und auf die Felder gerichtet. Man kann sich vorstellen wie mystisch die Tempel ausgesehen haben müssen. Sie hatten ein Dach, waren wahrscheinlich nur mit Fackeln und Kerzen beleuchtet und innen mit rotem Ocker bemalt. 

 

Unglaublich wie die gigantischen Steinbrocken als Wände für die Tempel angeordnet werden konnten, ganz ohne Werkzeuge und Hilfsmittel der heutigen Zeit. In der Zeitrechnung befinden wir uns noch vor der Bronzezeit. Die Steine und Skulpturen konnten also nur mit Werkzeugen bearbeitet werden, die die Natur so hergab: Stein, Tierknochen, Hölzer. Umso unglaublicher erscheint es auch, dass die Tempel allesamt astronomisch nach den Sonnwenden ausgerichtet sind. Diese Menschen mussten unglaubliche Fertigkeiten und unermessliche Geduld gehabt haben. Irgendwann sind sie dann plötzlich verschwunden. Warum genau weiß man nicht. Manche vermuten, dass sie diese kraftvollen Stätten verließen, weil Überfälle und Piraterie zunahmen und sie frei von Angst leben wollten. Denn Angst macht abhängig und sie wollten frei sein!  Über einen langen Zeitraum blieben die Inseln unbewohnt. Nachfolgende Siedler erreichten aber niemals mehr den hohen kulturellen Standard der neolithischen Bewohner. Die Tempel verfielen mit der Zeit. Wind und Wetter machten ihnen zu schaffen. Wie rau das Wetter auf den Inseln sein kann, konnten wir schon am Vortag erleben, als ein orkanartiger Wind über Gozo zog und alles, was nicht in sicheren Händen war, wegwehte. Leider zerstörten auch hier die Bauern sehr viel von den archäologischen Schätzen, zerkleinerten die Felsbrocken und bauten ihre Häuser daraus. Die Tempel folgten somit dem Schicksal vieler Kultstätten in Europa, wo vielerorts unglaubliche kulturelle Werte aus Unwissenheit vernichtet worden sind. 

Größer als Ggantija, aber jünger sind die Tempel auf Malta selbst: Tarxien, Ħaġar Qim (gesprochen Hadschar-’iim) und der in unmittelbarer Nähe befindliche Mnajdra. Daher sind alle schon aufgeregt, als wir frühmorgens von unserem Privattaxi abgeholt werden. Diesmal mit Guide, da das Betreten der Tempel in Gruppen auf eigene Faust nicht erlaubt ist. Man glaubt es kaum, aber es gibt Menschen, die sich für so wichtig halten, dass sie ihren Namen in die historischen Steine ritzen müssen. Sogar Fälle von Vandalismus mussten die Tempel schon überstehen.  Vor Wind, Wetter und anderen Umwelteinflüssen werden diese beiden Tempel seit ein paar Jahren durch ein gigantisches Zelt geschützt, viele Zonen sind für Besucher gesperrt. Dennoch kann man die Bedeutung und Kraft noch spüren, die von diesen Tempeln ausgegangen sein muss und noch immer da ist.

Am Abend kehren wir wieder in unser Xlendi zurück. Das Meer ist hier wild, aber noch erstaunlich warm. Ein paar der mutigeren Göttinnen nehmen jeden Abend vor dem Dinner ein ausgiebiges Bad in den salzigen Wellen. Wir genießen jeden Abend einen anderen Sonnenuntergang. Der Herbst in Österreich ist fern, ein Leben wie „Göttinnen auf Gozo“. Am Ende wird uns der Abschied schwer fallen.

Die letzten Tage verbringen wir in Maltas Hauptstadt, La Valetta, die eine wunderschöne historische Altstadt hat.   La Valetta wird 2018 Kulturhauptstadt Europas sein. Vielleicht ist das ein Grund, gleich wieder zu kommen. Die Göttinnen haben verschiedene Reiseziele und daher verschiedene Abreisetage. Ein letztes gemeinsames Abendessen, wieder bei einem Italiener, bevor sich die Reisegöttinnen in alle Himmelsrichtungen verstreuen, samt den zahlreichen kleinen Göttinnen aus den Museumshops in allen Koffern.  Und alle schwören, dass sie wieder kommen. Ich auch.

 

wild feast

by J. K.-Shedler

Druckversion Druckversion | Sitemap
© wild feast